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Mama fragt: Welche Lieder kommen ins Radio?

Kürzlich habe ich – mutig wie ich nun einmal bin – meiner Mutter ein paar Lieder der australischen Alternative-Band Chase Atlantic vorgespielt. Jene von euch, die die Band kennen, werden jetzt schmunzeln. Wischt euch das Grinsen aus dem Gesicht, meine Mutter spricht nicht genug Englisch um den absoluten Schmutz, den ich ihr da vorspiele, zu verstehen.

Zurück zum Thema.

Entgegen aller Erwartungen hat die Musik meiner Mutter sehr gut gefallen. “Wieso spielen die so etwas nicht im Radio?” Fragt sie. Ich kann ihr da nur beipflichten – vielleicht würde ich öfter Radio hören, wenn nicht die gleichen drei Lieder immer wieder rauf und runter laufen würden. Die Frage war ausnahmsweise mal nicht rhetorisch: Mutter wollte in der Tat genauer wissen, wieso Chase Atlantic – was an sich nicht so dramatisch anders klingt, als vieles, was die Charts gerade auf und ab tanzt – nicht im Radio läuft. Gute Frage eigentlich. Ein Erklärungsversuch.


Wer bestimmt, was gespielt wird?


Wer den Traum hat, Radio-DJ(ane) zu werden, um endlich selbst entscheiden zu dürfen, was läuft, muss jetzt ganz stark sein. Tatsächlich haben die Moderator:innen darauf denkbar wenig Einfluss. Sie – oder die verpflichteten Musik-Redakteuren – erstellen zwar Playlisten, die sogenannte Rotation, aber diese basieren nicht etwa auf ihrem individuellen Geschmack, sondern auf Zahlen und Fakten. Wer sich ständig darüber beschwert, dass im Radio nur derselbe Mist läuft – eventuell so wie die Autorin dieses Artikels nur einen Absatz zuvor – ist in der Tat selber Schuld. Radiosender erhalten
tagtäglich Anfragen von Hörern für bestimmte Lieder und Künstlern. Je mehr Anfragen rein flattern, desto öfter wird das Gewünschte auch gespielt. Darüber hinaus rufen Marktforschungsinstitute im Auftrag der Radiosender auch regelmäßig bei Menschen im Sendegebiet an und spielen (neue) Titel vor. Dabei soll in Erfahrung gebracht werden, welche Lieder und Interpreten besonders beliebt sind. Zugleich soll auch geklärt werden, ob Titel/Interpreten zur Rotation und dem Image des jeweiligen Senders passt. Das Ziel ist, Hörern möglichst lange bei der Stange zu halten und ein Sender-Image in Einklang mit Erwartungen zu bringen. Tatsächlich sind es also nicht die Radiosender selbst, die entscheiden, dass dieser eine Song von Maroon 5 jetzt schon zum dritten Mal in gefühlter Folge abgespielt wird. Ihr denkt, ihr leidet, weil ihr den Song schon wieder hört, während ihr im Auto sitzt? Denkt man an die armen Moderatoren – nicht mal seine Frau will so viel Zeit mit Adam Levine verbringen.

Ein bekannter Mythos ist, dass Plattenfirmen Radiosendern Unsummen zahlen, damit ihre Künstler besonders oft gespielt wären. Die Wahrheit sieht ganz anders aus: Radio ist ein Angebot des öffentlichen Rundfunks, ähnlich wie Fernsehsender rund um ARD und ZDF. Damit öffentliche Sender unabhängig bleiben können – und eben nicht von irgendwelchen Plattenfirmen geschmiert werden – wird der Rundfunkbeitrag erhoben. Dieser stellt auch sicher, dass das Urheberrecht von Künstlern gewahrt und für ihre Arbeit gezahlt wird. Private Radiosender finanzieren sich dagegen allem voran durch Werbeeinnahmen und Sponsoren, um dieselbe Unabhängigkeit von Plattenfirmen zu wahren.

Wer das Gefühl hat, dass manche Lieder tausendfach wiederholt im Radio laufen – wieder zeigt die Autorin mit dem Finger auf sich selbst – ist zum Opfer der Rotation geworden. Innerhalb der Playlist, die typischerweise zwischen 7 und 19 Uhr durchläuft, werden manche Lieder mehrfach aufgenommen. Grund für die Mehrfachbesetzung könnte unter anderem die Beliebtheit des Titels anhand von Zahlen der Befragungen sein. Auch könnten Titel wiederholt abgespielt werden, wenn sie zu einem aktuellen Album eines namenhaften Künstlers gehören. Auch Kontext, zum Beispiel der Soundtrack eines Hit-Films, kann zur Wiederholung führen. Manchmal dürfen Hörer auch Live anrufen und sich etwas wünschen. Und mit etwas Pech ist das dann doch wieder dieser eine Maroon 5-Song.


Wie kommt ein Lied ins Radio?


In erster Linie müssen Lieder gewisse Voraussetzungen erfüllen, um sich für Airplay zu qualifizieren. Dazu gehört die Länge (typischerweise muss ein Titel mindesten 3 Minuten lang sein), aber auch der Text. Bei Chase Atlantic könnte man zum Beispiel das Argument bringen, dass ihre schlüpfrigen Songtexte sie automatisch aus der Radiolandschaft verbannen. Selbst große Künstler sind dazu gezwungen, cleane (sprich: frei von Schimpfwörtern) Versionen ihrer Lieder aufzunehmen, um eine Chance haben, ins Radio zu kommen. Kürzlich musste Sabrina Carpenter das charmante “motherfucker” aus ihrem Sommerhit “Please Please Please” entfernen, um einen Platz in der Rotation zu ergattern. Es ist also keiner sicher.
Ein weiteres Stichwort bei der Frage, wie ein Lied ins Radio kommt, ist Bemusterung. Darunter versteht man das Versenden von Musiktiteln zu Marketingzwecken. Eine Plattenfirma schickt Tonträger an Radiosender, Journalisten, DJs und Lizenznehmer, um ihren Schützlingen eine Chance auf Airplay zu verschaffen. Das heißt, dass die Plattenfirma im ersten Schritt selbst entscheidet, wem sie mehr oder weniger Bekanntheit zugestehen möchte. Blickt man auf die Geschichte der One-Hit-Wonder zurück, taucht mehr als eine Situation auf, in welcher Potenziale ausgelaufen sind, weil die Plattenfirma sich geweigert hat, die Künstler in diesem Sinne zu promoten. Es macht natürlich einen enormen Unterschied, wie groß und bekannt das Label und der/die Künstler selbst sind. Eine Taylor Swift hat bessere Chancen auf Airplay als ein unbekannter Newcomer. Die Grundlage der Auswahl auf Radioseite ist stets die Bemühung, Hörer so lange wie möglich zu halten und durch die Musikauswahl ein bestimmtes Image vom Sender zu (re)präsentieren.
Das bedeutet aber nicht, dass man unbedingt ein Megastar sein muss, um im Radio gespielt zu werden. Viele Sender bieten spezielle Programmslots, um Newcomer (oft aus der Region) vorzustellen. Vorne mit dabei: der Jugendsender Fritz, der in Potsdam sitzt und seit bereits 14 Jahren Newcomer die Chance auf Radioplay bietet. Auch national bekannte Sender wie bigFM bieten ein Newcomer-Programm, für das man sich online bewerben kann.

Ein weiterer Weg, wie Songs ihren Weg ins Radio finden, ist durch Radio-Promoter. Als Angestellte von (großen und kleinen) Plattenfirmen gehen sie direkt auf Sender zu und informieren regelmäßig über ihre Schützlinge. Bei Interesse können Sender und Musik-Journalist:innen auf eine digitale Bemusterungsplattform zugreifen, welche alle Infos zu Künstler:in und Song/Album bietet.
Grundsätzlich ist es auch möglich, als Künstler:in ohne Plattenfirma seine Musik eigens zur Bemusterung an Sender zu schicken. Die vielen Möglichkeiten rund um Streaming haben diese Option größtenteils obsolet, beziehungsweise zum Doppelschritt, gemacht. Wer erinnert sich noch an die Zeiten, als Billie Eillish ihre Musik auf SoundCloud veröffentlicht hat? Heute ist sie ein Superstar, den Radios mit Kusshand abspielen.

God is (not) a DJ


Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Fakt ist, dass Sender nicht nach dem entscheiden, was die Moderatoren selbst als gute Musik befinden. Sondern was die beste Möglichkeit bietet, von einer Mehrheit an Hörer positiv angenommen zu werden. Das lässt wenig Raum für individuelle Geschmäcker. Als Hörer kann mein die Chance auf eine spaßige Hörerfahrung dadurch beeinflussen, dass man spezifische Radiosender hört, die zum eigenen Lieblingsgenre passen – und bei Befragungen telefonisch und online für seine Lieblings-Künstler stimmt. Und wer es doch ein wenig selbst-bestimmter braucht, hat durch Streamingdienste wie Spotify jede Chance, seine Rotation selbst zu kuratieren.

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