Metal & Pop. Kamera & Kugelschreiber.

Anatomy of a Song: “Euclid”, Sleep Token (2023)

Kaum ein Act stand 2023/24 in der Metal-Szene so stark in der Diskussion wie diese: Sleep Token. Mitte 2023 schafft die maskierte Band rund um Frontmann Vessel mit “The Summoning” vom Album “Take Me Back to Eden” online den Durchbruch. Heute haben die Brit-Metaler mehr als 3.7 Mio. monatliche Hörer auf Spotify – und sind kontrovers gefeierte Stars.
Ist Sleep Token überhaupt Metal? Eine Frage, die “Take Me Back to Eden“ nur mit weiteren Fragen beantwortet. Während “Vore” mit seinem brachialen Screams und kreischenden Gitarren unmissverständlich als Metal einzuordnen ist, zeichnet sich “Aqua Regia” vor allem durch Jazz-Stilmittel aus. Und trotzdem: Das Album als Gesamtkunstwerk ist stimmig. Wie Szene-Magazin Metal Hammer schreibt, ist Sleep Token “über Schubladen erhaben”.

Euclid” ist der 12. und somit letzte Track des Albums. Der Titel versteht sich als offene Tür: Ein Blick in eine geliebte, aber komplizierte Vergangenheit auf der einen Seite und die Aussicht auf eine fremde, aber vielleicht glücklichere Zukunft auf der Anderen. Thematisch wie auch musikalisch ist der Album-Closer von “Take Me Back to Eden” eine Entdeckungsreise durch Sleep Tokens Diskographie; und auf mehr als nur eine Art ein Ende für die Band.

Ein großer Teil der Faszination Sleep Token ist die reiche Symbolik, welche die Band in jeden Aspekt ihres Images steckt. Über die Musik hinaus bietet auch das Cover für den Song Aufschluss über die tiefere Bedeutung. Die Zeichnung im Stile eines Pergaments zeigt eine humanoide Figur mit einer Maske. In seiner linken Hand hält das Wesen ein blutiges Messer, in seiner rechten den abgetrennten Kopf von Frontmann Vessel. Er trägt hier die Maske, welche die Ära von “Sundowning” (2019) stilisiert hat, der ersten Teil der Trilogie, welche mit “Take Me Back to Eden” ihr Ende findet. Im Übergang zur “Take Me Back to Eden”-Ära öffnete sich der Mundbereich der Maske, visuell dargestellt durch einen blutigen Riss, der aussieht, als habe sich Vessel gewaltsam durch das Material gefressen. Die Message ist unmissverständlich: Vessels altes Ich musste sterben, um einen Neuanfang zu ermöglichen – und so auch eine neue Richtung für die Band.
Auch der Titel ist ein Hinweis auf die Symmetrie, welche der Track im Kontext der Trilogie zeichnen soll: Euklid von Alexandria war ein griechischer Mathematiker, der rund um 300 v. Christus gelebt hat und als Vater der Mathematik gilt. In seinem wohl bekanntesten Werk (“Elemente”) trug er das gesamte mathematische Wissen seiner Zeit zusammen. Euklid sah sich dabei weniger als Erfinder, sondern als Kurator. Setzt man sich mit dem Text von “Euclid” auseinander, entdeckt man genau dieselbe kuratorische Perspektive: Das Lied fühlt sich an wie eine Abrechnung mit der eigenen Diskographie und den komplexen Gefühlen rund um Liebe und Verlust, welche die Musik lebendig gemacht haben.

In einem interessanten Twist beginnt die erste Textzeile genau bei 14 Sekunden. Vessel singt: “Just run it back, give me five whole minutes”. Tatsächlich hat das Lied – und so auch das Album – nun nur noch 5 Minuten um sich zu erklären. Der Mix aus Klavier, Gitarren, ein Wechsel von elektronischer Percussion und Schlagzeug sowie der mehrlagigen Stimmproduktion kreiert eine Soundscape, die wenig Raum für Stille, und doch viel Platz für Nachdenklichkeit lässt. “Euclid” hat eine klare musikalische Spannungskurve, welche die Geschichte begleitet und dort weiter ausfüllt, wo die Worte nicht mehr ausdrücken können, als schon gesagt wurde – von sanft und nostalgisch hin zu schwellenden, rockigen Tönen und einem schier sakralen Ausklang untermalt die Musik die wechselhaften Emotionen der sich wiederholenden Strophen. Vor dem Hintergrund von Gitarre und Schlagzeug in der Bridge hat Vessels eindringliche Bitte nach nur noch 5 Minuten unserer Zeit eine andere Qualität als über den sanften, alleinstehenden Klavierklängen der ersten Strophe.

In der Bridge clashen Vergangenheit und Gegenwart miteinander: Während Vessels Stimme im Vordergrund nochmal die dritte Strophe anstimmt, greift der Hintergrundgesang den Anfang des Lieds auf. Es ist ein Bruch zwischen der schönen Erinnerung an eine unschuldigere Zeit und der Erkenntnis, welche einen Ausbruch aus dem Zirkel an Erinnerungen erst ermöglicht.
Bei Minute 2, Sekunde 43 – auf halbem Weg durch die Bridge – entdecken aufmerksame Hörer einen musikalischen Rückgriff zum Album “Sundowning”. Gerade als Sänger Vessel den Song in Richtung Outro steuert, ertönt die bekannte Melodie aus “The Night Does Not Belong to God”. Für konzertaffine Fans ist der Song besonders bedeutungsvoll, da er die Konzerte der Tour 2023 abschließt.
Während Vessel in “The Night Does Not Belong to God” eine liebevolle, wenn auch hoffnungslose Nachricht an seine Geliebte schickt (“You will not be mine”), ist “Euclid” der Abschluss mit dieser Fantasie. „I must be someone new” singt er, während er im Hintergrund sein Versprechen wiederholt, ihr den Himmel zu schenken, selbst wenn er ihn selbst gen Erde runter reißen muss. Der Abschluss bedeutet nicht, dass seine Gefühle für den Gegenpart nicht mehr existieren, sondern dass der hoffnungslose Kreislauf unabhängig davon endlich ein Ende finden muss.

Euclid” endet mit einem Geständnis, das gleichermaßen Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung ist: “I know for the last time / You will not be mine / So give me the night”. Vessel beendet das Lied – und das Album – mit der Realisation, das seine Liebe nicht erwidert werden wird. Während “The Night Does Not Belong to God” das “Sundowning”-Album eröffnet und musikalisch mit einem Auslassungspunkt endet, ist “Euclid” in jeder Hinsicht ein echtes Finale – das Ende des Albums, das Ende dieser Ära der Band, das Ende einer Liebe, wenn nicht sogar Obsession.

Der Unterschied ist subtil. Doch “The Night Does Not Belong to God” schließt textlich gleichzeitig mit den Lyrics „The night comes down like heaven” und, subtiler im Hintergrund zu hören und doch umso wichtiger, ”We tangle endlessly”. “The Night Does Not Belong to God” zeichnet einen Kreis.
Euclid” dagegen schließt “Take Me Back to Eden” mit “So give me the night” – ein Schlussstrich unter dem toxischen Kreislauf aus Liebe, Hass und Gleichgültigkeit, der die Trilogie thematisch geprägt hat.

Über “The Night Does Not Belong to God” hinaus ist “Euclid” ein wahrer Fundus an Lyrics aus der restlichen Diskographie von Sleep Token. In kaum einem anderen Song findet sich so viel textliche Bandgeschichte wie hier. Bereits in der vierten Zeile der ersten Strophe verweist das Lied mit “Got a ghost in the hallway grinning” auf “The Apparition” vom selben Album. In Minute 1, Sekunde 55 kehrt Vessel zu einem alten Versprechen aus “Blood Sport” zurück (“And do you still believe / That nothing else matters”).
Bei 2:48 erklärt Vessel: “The bough has broken through”, ein Hinweis auf “When the Bough Breaks” von ihrer ersten EP. Kurzum: “Euclid” ist ein Büffet voller Sleep Tokenisms.

Euclid” ist mehr als ein Rückgriff auf die lyrische Vergangenheit von Sleep Token: Der Album-Closer ist ein Neuanfang. Und tatsächlich: Vor ihrem Konzert im OVO London – eine ihrer größten Shows vor 12.000 Fans – enthüllt die Band neue Masken und läuten mit der “Teeth of God”-Tour ganz offiziell eine neue Ära ihrer Bandgeschichte ein. Man munkelt, dass wir uns Ende 2024 auf ein neues Album freuen dürfen. Ob das der Start einer neuen Trilogie oder ein Standalone sein wird, bleibt abzuwarten. Nur eins ist sicher: Nothing lasts forever.

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