Metal & Pop. Kamera & Kugelschreiber.

Live Dabei: Olivia Rodrigo, 07.06.2024, Olympiahalle München

Wer in München zu einem Konzert geht, trifft seine Kollegen spätestens in den verschlungenen Gängen der U-Bahn am Marienplatz. So stehe auch ich umzingelt von jungen Frauen (und der einen oder anderen mutigen Ratte) am Nabel des Münchener Innenstadttransports.
Mein Telefon klingelt. Meine Begleitung, eine Amerikanerin in ihren Fünfzigern, die von ihrer Teenie-Tochter rekrutiert wurde, ist völlig verzweifelt. Bereits an der Olympiahalle angekommen wurde ihr klar, dass sie den Dresscode total verplant hat.
“Alle tragen schwarz oder lila!” Klagt sie.
Ich schaue mich um. Da ist was dran. Die Mädels haben sich modisch ganz selbst übertroffen: Ich entdecke zahlreiche Haarschleifen, gezielt aufgeklebte Glitzersteinchen, stylische Absatz- und Plateauschuhe. Allesamt in schwarz und lila.
Ich schaue auf mein Handy, dann an mir selbst herunter. Ich habe nicht das Herz ihr zu sagen, dass auch ich lila-schwarz gekleidet bin.

Doors Open um 17:30 Uhr. Bereits aus der Ferne sehe ich, wie der Platz vor der Olympiahalle geflutet ist. Kein Pflasterstein in Sicht, dafür viele schick gekleidete Frauen. Ich will nicht reduktiv sein, es waren auch einige Herren dabei; aber, wie eventuell erwartet, gehen sie in der Frauenmasse unter, Y-Chromosom über Bord. Ich finde das eigentlich ganz charmant – als Frau, die in Metal-Männer-Massen regelmäßig ersäuft, amüsiere ich mich umso mehr über das Gegenteil.
Ein paar clevere lokale Musiker haben sich etwas abseits von der Traube platziert, um die wartende Meute zu unterhalten und erfreuen sich am enthusiastischen Applaus der Wartenden.
Bald entdecke ich meine Freundin mitsamt ihrer Tochter im Schlepptau – und zwei T-Shirts, frisch am Merch- Stand für eine sicher horrende Summe erstanden. Sie winkt den lila Stoff in meine Richtung. Es erinnert mich irgendwie an eine weiße Friedensflagge; eventuell ein Zeichen an ihre Teenie- Tochter, die edelmütig weiter mit ihrer Mutter assoziiert, obwohl sie in der völlig falschen Farbe bei einem Olivia Rodrigo-Konzert auftritt. Orange. Ich grinse. Sie grinst zurück. Sie weiß genau, was sie falsch gemacht hat.

Die Schlange schleicht entspannt voran und bald stehe ich in der Olympiahalle. Tatsächlich habe ich mir keine großen Hoffnungen auf eine gute Sicht gemacht. Ich habe die Tickets im September 2023 beim Artist-Presale ergattert und faul die günstigste Preiskategorie ausgewählt. Beim Blick auf das Ticket am Morgen des Konzerts springt ein besonders unheilvolles Wort in mein Blickfeld: Umgriff.
Ich weiß genau, was Umgriff bedeutet. Und doch fange ich an, wie besessen zu googeln. Es bringt nichts. Ich bin nicht im Pit, sondern wurde noch über die Noosebleeds hinweg in den Ring verbannt, der um die gesamte Arena geschlungen ist. Meine Freundin, die eigentlich einen Platz im Pit hatte, tauscht dieses Ticket großherzig mit ihrer Tochter, um mir in meiner Verbannung Gesellschaft zu leisten.

Doch all mein Selbstmitleid war völlig unnötig. Ich erhasche ohne Mühe einen Umgriff-Platz der frontal auf die Bühne runterblickt. Ich bin weiter entfernt denn je, doch ich werde eine ausgezeichnete Sicht haben.

Der Umgriff bleibt bis kurz vor Start halbwegs leer. Der Rest der Arena füllt sich schlagartig. Nur wenige Plätze bleiben unbesetzt.

Ich bin ein bisschen quasi-mütterlich stolz auf Olivia, die gerade erst 21 geworden ist. Ich schaue mich um. Laut Medienberichten bin ich hier von der “Generation TikTok” umgeben. Sie sind auf jeden Fall allesamt besser gestylt als ich, das kann ich schon mal sagen. Ich habe kein Interesse daran, darauf einzugehen, wie herablassend der Begriff ist, ganz zu schweigen davon, dass ich mit meinen 30 Jahren bei weitem nicht die “Oma” in einer Kindermeute war, wie viele Artikel versuchen zu suggerieren. Ich sage mal so viel: Meine Kolleginnen sind allesamt geduscht, achten auf meinen persönlichen Platz und, wenn sich unsere Blicke treffen, lächeln sie. Das ist schon mal besser als viele meiner Erfahrungen auf Rock- und Metal-Konzerten.

Die Show startet pünktlich um 19:30 Uhr mit Remi Wolf. Zugegebenermaßen habe ich noch nie etwas von der Künstlerin gehört. Als ich das zu meiner Begleitung sage, schaut mich der Herr von links böse an. Mea culpa, mea culpa.
Kaum ist die erste Note gespielt, bin ich ein neu bekehrter Fan. Von der Bühne bis hoch zu mir in den Cheap Seats sprüht es nur so von Charisma und Energie. Ich kenne keinen Song, singe aber bereits nach den ersten Noten in meinem Nonsens mit. Front-Frau Remi tanzt, springt und kokettiert auf der Bühne, als gäbe es kein Morgen. Die Stimmung ist herausragend, ein besseres Warm Up hätte sich Olivia gar nicht aussuchen können. Bei ihrem Cover von Amy Winehouses “Valerie” explodiert die Arena so laut, dass man die Sängerin kaum noch hören kann. Das wird auch für Olivias Performance später zum Trend. Als Remi samt Band eine halbe Stunde später die Bühne verlässt, bin ich hellwach und zappelig. Ich kann Olivias Auftritt kaum erwarten.

Etwa eine halbe Stunde später rennt Olivia samt Band auf die Bühne. Die gesamte Olympiahalle eruptiert mit Applaus. Ich spüre mein linkes Ohr ploppen. Auch ein Trend, der sich später nochmal wiederholen wird.
Der Popstar startet mit “bad idea, right?” Der gesamte Saal kreischt mit, alle kennen den Text. Ich drehe mich zu meiner Freundin um. Sie wirkt etwas schockiert über die Lautstärke. Ich bin erfreut. Genau so soll es sein. Olivia ist in Bestform. Sie tanzt, sie headbangt, sie wechselt ihre Outfits, sie spielt Gitarre, dann Klavier. Ich habe schon längst vergessen, wie sehr ich mich am Morgen über mein Umgriff-Ticket geärgert habe. 70 EUR hierfür? Ich würde auch 90 EUR zahlen. Vielleicht sogar 100. Es ist eine Show, wie sich Konzertfans Shows erträumen. Das Publikum ist bei jedem Zentimeter mit dabei. Olivia interagiert mit der Masse, stellt Fragen, macht Scherze. Ein Fan bietet an, eine eigens verzierte Ukulele gegen ein Guitar-Pick zu tauschen. Olivia strahlt von Ohr zu Ohr. Die Leute singen so laut mit, dass Olivias scherzhaft fragt: “Hat euch jemand das Herz gebrochen oder was?” Beim Kreisch-Part in “all-american bitch” bittet sie das Publikum, an etwas zu denken, was sie richtig aufgeregt und mit einem Schrei endlich loszulassen. Die Olympiahalle lässt sich nicht zwei Mal bitten. Mein Ohr ploppt schon wieder.

Im Zentrum der Bühne ist ein Bildschirm, der abwechselnd Olivia verfolgt und das gefilmte dann mit Pop-Art verziert. Es erinnert an Musikvideos der 80er-Jahre oder, wie die Augsburger Allgemeine passend beschriebt, die “Rocky Horror Picture Show”.

Dramatisch, campy, cool.

So jung Olivia auch ist – und ich verspreche ab jetzt nicht mehr ständig zu erwähnen, dass sie 21 ist – sie besitzt die Souveränität eines Veteranen. Die Töne sitzen, der Auftritt ist abwechslungsreich. Hiervon können sich viele alteingesessene Künstler einen Scheibe abschneiden. Olivia wirkt fröhlich, entspannt, ganz in ihrem Element. Ich habe großen Respekt vor ihr und ihrer Arbeit. 3 Grammys, 2 Hit-Alben, Streaming-Rekorde, von denen Andere nur träumen können – und noch lange kein Ende in Sicht.

Viele vergleichen Olivia mit Pop-Titanin Taylor Swift. Und das mit gutem Grund. Sowohl Olivia als auch Taylor haben die Formel raus, junge Frauen mit ihrer Musik ganz persönlich abzuholen. Manche mögen das kalkulierend nennen, ich nenne es smart. Sie kennen ihr Publikum ganz genau, das macht ihre Musik stärker. Wenn ich mich so in der Olympiahalle umsehe, entdecke ich ausschließlich engagierte, begeisterte Fans. Selbst die Eltern, die ihre Kids begleitet haben, sehen nicht gelangweilt aus. Olivia hat ein Talent dafür, das Publikum ganz bei sich zu behalten. Die Stimmung in der Olympiahalle reißt zu keinem Zeitpunkt ab. Das muss man können, 15.000 Menschen so an der Leine zu haben.

Zum Schluss kommen Olivia und Band nochmal für zwei Zugaben zurück – “good 4 u” vom ersten Album und “get him back” von Album Numero 2. Meine Knie brennen – vielleicht war mein Hinweis, ich sei keine Oma, doch vorschnell.
Als die letzten Töne verhallen und der Zirkus sich von der Bühne verzieht, bleibt ein bisschen Glitzer in der neuen Stille zurück. Wir verlassen schnurstracks die Konzerthalle, in der Hoffnung, dem schlimmsten Menschenaufkommen zuvor zu kommen.
Draußen beglückt ein Herr mit Gitarre die Konzertgänger bei Nieselregen. Neben mir unterhalten sich Mutter und Tochter aufgeregt darüber, wie schön das Konzert doch war. Die Tochter, gerade 19, wiederholt mit glitzernden Augen, wie toll sie es fand, dass die Band nur aus Frauen bestand. Das kenne sie so gar nicht, meint sie. Ich kann ihr nur zustimmen.

Ich schnorre mir eine Heimfahrt bei meiner Freundin. Im Auto macht ihre Tochter “obsessed” von Olivia an. Ich kann sie gut verstehen. Auch ich bin nach diesem Abend noch nicht bereit, mit ihr abzuschließen. Und so fahren wir gen Donnersbergerbrücke, und ein bisschen Magie haftet weiterhin an uns, bis tief in die sternendurchflutete Nacht hinein.

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten