Daughter füllt keine Stadien. Ihre Album-Releases fühlen sich weniger nach Events als nach intimen Zusammenkünfte zwischen Freunden an. Kein Glitz, kein Glamour, kein Tamtam. Frontfrau Elena Tonra wirkt von der Aufmerksamkeit eher verschüchtert als genährt. Der Kult rund um Daughter erinnert an die Fans von Florence Welch; die Musik der Indie-Band umgibt eine Art der stillen Andacht, eine Zeremonie ganz speziell für jene „in the know“. Die Bewunderung für die Band spiegelt ihre Musik perfekt wieder: Daughter ist leise, aber deswegen nicht weniger bedeutsam.
Zu Beginn war Daughter ein Solo-Projekt von Tonra.
Songwriting war für sie eine Methode, mit ihrer komplizierten Jugend und all der Trauer, die damit einherging, umzugehen. Sie lernt Gitarrenspielen, um ein Vehikel für ihre Gefühle zu kreieren, sieht sich aber nie als Solo-Künstlerin.
Sie trifft Igor Haefeli während ihres Studiums in London. Sie bewundert seine Art, Musik zu schreiben und zu produzieren – und bittet ihn kurzerhand, Teil von Daughter zu werden. Nach der ersten EP – “His Young Heart” (2011) – gesellt sich Remi Aguilella am Schlagzeug hinzu. Diese Dreierspitze ist Daughter, wie man sie heute kennt.
2011 veröffentlicht die Band die EP „The Wild Youth“ recht unaufgeregt und ohne große Werbemaschinerie im Hintergrund auf Bandcamp. Inzwischen ist Daughter bei dem renommierten 4AD-Label unter Vertrag.
Es ist ironisch, dass Tonra begann, Musik zu machen, weil sie sich wie eine Außenseiterin fühlte. Ihre mehr als 2.4 Mio. monatlichen Hörer auf Spotify beweisen, dass Tonra alles andere als alleine mit ihren Gefühlen ist.
Analyse: Das Post-Mortem einer bewegten Jugend
Home startet mit einer treibenden Bassline. Es ist ein starker Start, der in seiner Einfachheit die Fantasie des Hörenden anregt. Das Bass beschwört Bilder von vorbei schnellenden Straßenlampen, die eine einsame Straße mit Lichtflecken bemalen während ein Taxi durch die Düsternis fährt. Auf dem Rücksitz: Tonra, tief in Gedanken.
Die Instrumentation ist simpel aber effektvoll; das Hi-Hat bietet der dunklen Melodie nochmal einzelne erhellende Lichtpunkte; die metaphorischen Straßenlampen. Die Geschwindigkeit zieht an je näher man an die Bridge kommt; das Taxi nähert sich dem vermeintlichen Zuhause, das Tonra besingt. “Burned out flames should never reignite / But I thought they might”. Antizipation liegt in der Luft; und ein Versprechen.
Da ist etwas Verzweifeltes an der Bitte von Tonra, sie “nach Hause” zu bringen. Als müsste sie etwas aussprechen, was sie zu lange für sich selbst behalten hat.
Die Instrumente werden immer lauter und der Gesang sinkt in den Hintergrund bis es zu einem wirkungsvollen Crescendo kommt. Wir enden mit einem sanften, vorsichtig hoffnungsvoll klingenden Outro. “Home”, seufzt die Sängerin. Die Musik verblasst mit dem sprichwörtlichen Schließen der Haustüre. Dort lässt Tonra uns stehen. Wir werden nie wissen, ob sie wirklich zuhause angekommen ist.
Während Home eine einsame Reise zu einem vermeintlich nicht mehr existierenden Ort zeichnet, ist Medicine ein Zwiegespräch.
Das Klavier stützt ihre Worte, vorsichtig und langsam und ohne große Ausschmückung. Haefeli setzt auf ein atmosphärisches Layering, das den Eindruck eines Nebels gibt, der sich mit Tonras Worten abwechselnd verdichtet und lichtet.
Tonras Hintergrundgesang und leise wiederkehrende Drum-Patterns legen den Schmerz hinter den schön formulierten und mit Bedacht vorgetragenen Worten offen. Das ist eines der Steckenpferde von Daughter; mit einfachsten Mitteln musikalisch Emotionen zu untermalen, welche nicht in Worte verpackt werden können. Emotionen, welche die Sängerin eventuell gar nicht offen legen will.
Nach der zweiten Strophe wiederholt sich ihr eindringliches Flehen “You can still be what you want to be / What you said you were”. Der Wechsel zwischen “When I met you” und “When you met me” zeigt die Veränderung zwischen diesen zwei Menschen, die sich so nahe standen und nun in dem Nebel verlieren. Man hört fast unmerkbar leise, wie Elena Fragmente der Strophe in diesem Nebel wieder und wieder wiederholt, bis ihre Worte im Titel enden und der Nebel sich ein letztes Mal lichtet.
Youth definiert Daughter in seiner Quintessenz und ist ihr vielleicht bekanntester Song.
Ein sanfter, hochemotionaler Seufzer, der mit seiner Stille oft mehr ausdrückt als mit seinen Lyrics. Die Pause nach “You caused it” sagt mehr als tausend Worte; es ist eine Anschuldigung, die ins Leere geht.
Musikalisch ist Youth der konventionellste Track der EP. Die strummige Gitarre geht nach dem ersten Chorus in den Konkurrenzkampf mit gewaltigen Percussions, welche den Sturm hinter Tonras sanfter Stimme beschwören.
Bezeichnend ist der kommende Wegfall der Percussions im Verlauf des Lieds, die musikallisch den ersten Teil des Chorus bestimmen. Hier tritt Tonras Stimme wieder in den absoluten Vordergrund, um mit herzzerreißenden, wehrlos-ehrlichen Lyrics zu punkten: „And if you’re still bleeding / You’re the lucky ones / ‘Cause most of our feelings / They are dead and they are gone”. Das „Vordrängeln“ der Lyrics zwingt uns zum Zuhören – es ist eine Offenbarung so voller Ehrlichkeit, dass man sich fast schon unwohl fühlt, so nah an einem anderen Menschen dran zu sein.
Youth läuft fließende in Love über, der einzige direkte Übergang auf der EP. Wenn man die zwei Lieder als ein Ganzes betrachtet, entdeckt man hier die Leerstellen, die Youth so effektiv machen. Wir bekommen die Antwort auf who caused it – eine Antwort, die sich ebenso intim anfühlt wie die Offenbarung zuvor. Das vorsichtige Strumming wird immer wieder von Crescendos gebrochen, die an einen noch entfernt tobenden Sturm erinnern.
Liebe gemischt mit Wut. Das Bedürfnis, sich zu erklären gemischt mit dem Wunsch, dem Gegenüber all die Anschuldigungen an den Kopf zu pfeffern, die man in sich gesammelt hat.
Die Strophe geht in die Bridge mit einem gebrochenen Schrei des Schmerzes von Tonra über; die Instrumentalisierung wird schneller, drängender, ungeduldiger: Jetzt muss sie Antworten auf all ihre Fragen haben. “Did she make your heart beat faster than I could? / Did she give you what you hoped for?” Wie die sanfte Stimme im Hintergrund gesteht “Making me sick / Love” fühlt sich die Bridge an, als würde die Sängerin schmerzvoll ihre Gefühle Hochwürgen. Die Musik kehrt bis zum Schluss nicht mehr zu seiner initialen Ruhe zurück, sondern tost mit gelegentlichen Donnerschlägen, die sich bis zum letzten, hohlen Seufzen ziehen. So endet auch die EP.
Die Musik ist so effektvoll wie zurückhaltend; es ist spürbar, dass Tonras Gesang und Texte den Mittelpunkt der Kunst bilden. Die Musik dient zur Stützung und Unterstützung, mehr Atmosphärenmacher als eigenes Gebilde. Auch Produzent Haefeli bezeichnet die Musik als ein Guiding Light für den Gesang. Das soll aber keinesfalls bedeuten, dass die Instrumentalisierung weniger wertvoll ist, ganz im Gegenteil. Die sensible Produktion lässt Tonra erst richtig glänzen. Die Musik drückt aus, was ihre zarte Stimme und zurückhaltenden Worte nicht auszudrücken vermögen; die Inbrunst, die unter all ihrer Zärtlichkeit verborgen ist.
Das Album ist intensiv. Daughter ist keine Band, die man spontan im Hintergrund anmacht, während man kocht. Vielmehr gehört sie zu den, wie ich sie nenne, “Rotwein-Bands”, also Künstler, die man sich am besten mit einem Glas Wein in der Hand – und idealerweise einer Taschentuchpackung in der Nähe – anhört. Tonra setzt auf die Poesie der Einfachheit; ihre Lyrics sind weder von Zweideutigkeit, noch von hochtrabenden References gespickt. Und das ist auch nicht nötig. Was an diesen Texten so weh tut, ist die blanke, ungekünstelte, verletzliche Ehrlichkeit. Kein Schild, kein Versuch, sich stärker oder schlauer oder selbstbewusster aussehen zu lassen, als man ist. Einfach nur dieses eine, für ewig traurige: “Warum?” Ebendeswegen macht die Musik von Daughter gleichzeitig so bezaubernd und so schwer zu verdauen.
13 Jahre nach dem Schmerz
Heute gibt es Daughter seit stolzen 14 Jahren – vieles hat sich in der Musik und in der Welt verändert. Wie auch ihre Kunst ist Daughter leise. Als zuletzt Burn it Down von ihrem dritten Album im Jenna Ortega-Vehikel “Miller’s Girl” auftaucht, zucke ich merklich im Kino zusammen; Tonras Stimme hat etwas an sich, dass jeden Muskel im Körper anzieht und nur mit größter Mühe wieder los lässt.
Trotz aller Zurückhaltung war die Band in den Jahren seit “The Wild Youth” weiter produktiv: 2018 veröffentlicht Tonra ihr Solo-Album “Ex:Re”. Wegen Covid – während der Pandemie trennt das Trio ganze Ozeane, ganz zu schweigen von der globalen Krise – muss jede weitere Kollaboration digital stattfinden.
2023 veröffentlicht Daughter mit “Stereo Mind Game” ihr lang erwartetes viertes Album. Ihr letztes Werk, “Music from Before the Storm”, diente als Soundtrack für das Videospiel “Life is Strange: Before the Storm”. Als solches hatte es mehr Instrumentals inne, setzte an vielen Stellen mehr auf Musik als auf Gesang.
Im neuen Album ist Tonras Stimme spürbar ge- und erwachsen, doch die Essenz der Band bleibt dieselbe. Haefeli beschreibt die musikalische Arbeit am neuen Album als “Patchwork”. Für ihn, wie für seine zwei Kolleg:innen steht eins im Fokus: Die Emotion.
“The Wild Youth” erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die mit zitternden Händen am verblassenden Geist ihrer vergangenen Liebe festhält. “Stereo Mind Game” ist die weise Stimme der Nachsicht, die weiß, dass es möglich ist, von Liebe loszulassen ohne ihre Bedeutung damit zu reduzieren. Ein zärtlicher Abschied, der “The Wild Youth” einen Hauch Nostalgie schenkt; die Nostalgie einer vergangenen Jugend.
Fans von dark Indie – Künstler wie Lizzy McAlpine, Sasha Alex Sloane und der sanften Seite von Billie Eilish – werden sich an der EP, ganz zu schweigen der restlichen Discographie von Daughter, nicht satt hören können.
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